DIE ASSOS  TAGEBÜCHER
von Francis H. Bacon
Herausgegeben von Lenore O. Keene Congdon1

In den späten 1870ern, als die moderne Archäologie noch in den Kinderschuhen steckte, bereiste ein junger Mann namens Francis H. Bacon in einem kleinen Boot die Ägäis mit seinem Freund, Joseph Thatcher Clarke. Clarke besaß ein kleines Stipendium vom neugegründeten "Archaeological Institute of America" , das ihm bei seinem Studium der dorischen Architektur helfen sollte. Das Institut hoffte, dass er eine archäologische Stätte fände, die sich für umfassende Untersuchungen eignete. Unter den vielen alten Städten, die die zwei Männer besuchten, war auch Assos in der südlichen Troas, gegenüber Mytilene. 
Dort sahen sie ausgedehnte Ruinen, beeindruckend genug für Clarke, sie für weitergehende Erforschungen empfehlen. Unter der Leitungen seines Präsidenten Charles Eliot Norton, Professor für Klassische Studien an der Universität von Harvard, brachte das Archäologische Institut  von America bald die notwendige Geldmittel auf, um eine Arbeitsgruppe nach Assos zu schicken. Clarke wurde gebeten, die Ausgrabung zu leiten, und er wählte Bacon als seinen Stellvertreter. Die Kampagne dauerte drei Jahre, und es war an Bacon, die riesige Aufgabe, die er und Clarke 1881 angefangen hatten, zu beenden. Tatsächlich aber erstreckte sich die Arbeit in Assos über sein ganzes Leben ; auf eigene Kosten unternahm er die Vollendung der fünf Bände der "
Investigations at Assos", die Clarke unter dem Druck familiärer Probleme hatte aufgeben müssen. Erst 1927 schloss er die Veröffentlichung ab, oder , wie er sagte , "gab ihr den Abschiedskuss“. Bacon führte Tagebücher während der Ausgrabung und aus seinen "Tagen in Assos" stammen die folgenden Auszüge. Die Tagebücher waren nicht zur Veröffentlichung gedacht ;launisch versah er sie mit dem Untertitel  „Die persönlichen Briefe und Tagebücher von Francis H. Bacon. Übertragung zum Nutzen von Familie und Freunden. Aber Interessant hauptsächlich für ihn selbst.“ 
Dieses Dokument ist ein überschwänglicher Bericht über die romantischen Abenteuer eines jungen Mannes in der alten Welt der Antike. Es wird nicht nur vom Fortschritt der Ausgrabungen berichtet ; es werden auch Erinnerungen an eine vergangene Zeit klassischer Manieren und privilegierter Freizeitbeschäftigungen wachgerufen - das Europa der Queen Victoria, in dessen Hauptstädten Bacon die Winter mit Feiern an den Höfen und mit Zusammenkünften alter Freunde verbrachte. Als außergewöhnlich wissensdurstiger Reisender schildert er seine Odysseen zu Pferde in mehreren Gegenden Kleinasiens, seine Freundschaft mit Griechen und Türken, die Schwernisse der  Seefahrt und die byzantinisch anmutenden Auseinandersetzungen mit der mit der Regierung in Istanbul. 

Bacon fasste seine Briefe und Tagebücher im Jahr 1927 zusammen und übergab eine Abschrift seinen engen Freund und Schützling Albert Seylaz, einem Französischprofessor aus der Schweiz, der viele Jahre in der Türkei lehrte und selbst Fachmann für die ionische Region wurde. Seylaz blieb, wie Bacon, ein Amateur im besten Sinne des Wortes, der sein Wissen über die Welt der Antike durch Besuche der jeweiligen Stätten aus erste Hand vermehrte und vielen an der Klassik  und Archäologie Interessierten, die diese Landschaften bereisten, Gastgeber war. Etwa im Jahr 1933 wurden Dr. Seylaz und Dr. Frau J. Calvin Keene in der Türkei gute Freunde. Kurz vor seinem Tod im 1967 schenkte Dr. Seylaz seine Abschrift der "Tage in Assos" ihrer Tochter, Lenore O. Keene Congdon, die die folgenden Abschnitte auswählte. 
1 Aus: Archaeology 27, New York 1974, pp 83 - 95
Einführende Hinweise
    
...Bis zum Juli 1878 blieb ich in Albany, als dann mein Freund J.T.. Clarke und ich auf dem Weg in die Türkei und nach Griechenland nach England segelten! C. sollte eine Geschichte der dorischen Architektur schreiben und ich Skizzen und Zeichnungen von all den Tempeln  und Stätten anfertigen!   .    .    .  unter den Orten, die wir besuchten, war der von Assos in der südlichen Troas gegenüber von Mitylene [heute gewöhnlich Mytilene geschrieben], wo es Überreste einer großen griechischen Stadt gab und eines sehr frühen dorischen Tempels. Clarke verfasste einen beachtlichen Bericht über diesen Tempel und die antike Stätte für Prof. Charles Eliot Norton von Cambridge, der so interessiert war, dass er eine Gruppe von Leuten zusammenbrachte und das Archaeological Institute of America bildete, zur Erforschung dieses oder andere antiken griechischen Orte. [sic] 
    
.  .  . Clarke kehrte in die USA zurück. Das archäologische Institut gedieh und beschloss, Geld zu beschaffen für Ausgrabungen in Assos. C. wurde zum Leiter der Expedition ernannt und wünschte, dass ich mich ihm anschloss.  .  .  .  Die Vorhut bestand aus Clarke und mir sowie Maxwell Wrigley, einem jungen Architekten und gutem Freund von mir.  .  .  . Charles W. Bradley, C. Howard Walker, W. C. Lawton, Edward Robinson und J. H. Haynes sollten sich uns später anschließen.
Im Januar 1881 segelten Clarke, Wrigley und ich auf dem Weg nach Kleinasien nach England. Wie sollten eine kurze Zeit bleiben, um in London unsere Ausrüstung zu erhalten. Dann sollte ich nach Paris fahren, um sorgfältige Zeichnungen von den Skulpturen des Tempels von Assos, die im Louvre Museum waren, anzufertigen; anschließend weiter nach Smyrna und Assos.

Mitylene - 29.März, 1881 
    
Am 23. März legte sich der Wind etwas und wir [Wrigley und Bacon] kauften einige Vorräte und fuhren ab nach Assos. Der Wind war immer noch recht frisch und wir gondelten ungefähr zehn Meilen dahin, als der Wind stärker und luvwärts stürmisch wurde .  . . . Als Krönung kam dazu noch wütender Regen und heftiges Unwetter, was wenigstens ein Gutes hatte, als es das Salz aus unsere Kleidung spülte, die noch in der Takelage hing! . . . Wir segelten eine kleine Bucht namens Paillos an der Nordküste Mitylenes an und fanden schon mehrere Schiffe vor, die dort auch Schutz vor dem Sturm gesucht hatten. . . .
     Am nächsten Tag blies der Wind kräftig vom Berg Ida zu uns herüber, und weil unsere Kleidung noch nicht trocken war, blieben wir, in Steppdecken eingehüllt, an Bord. . . .

    
Tags daraufhin ging nur ein leichter Wind, und so fuhren wir gegen Sonnenuntergang in den kleinen Hafen von Assos ein! Hurra! 
    
Den 26. März verbrachten wir damit, die Ruinen zu begehen. Sie erschienen uns sehr weitläufig, und ich sah vieles, das ich während meines vorherigen Besuches im Jahre 1879 übersehen hatte. - . . .  Am nächsten Tag kehrten wir nach Mitylene zurück! . . .
    
Als wir Mitylene um etwa ein Uhr erreichten, trafen wir Eliot  Norton, der gerade angekommen war und froh, uns zu sehen. Er hatte Clarke, der sich um unsere Kisten und Waren kümmerte, in Smyrna zurückgelassen und überbrachte die Nachricht, dass ich sofort nach Smyrna kommen solle, um zu helfen. . . .
    
Schließlich, am 19. April, schafften wir [Clarke, Wrigley, Norton und Bacon] es , mit einem leichten südöstlichen Wind den kleinen Hafen von Assos anzulaufen! In dieser Nacht schliefen wir alle auf dem Schiff und mieteten am nächsten Tag einen kleinen Raum in einem der Vorratshäuser für $1.60 monatlich und brachten unsere Vermessungsgeräte an Land. C. und ich gingen hoch zur Akropolis, um einiges zu überprüfen, und waren mehr denn je beeindruckt von dem großen Ausmaß der antiken Stadt. Wir haben eine riesige Arbeit angefangen und ich hoffe nur, dass wir sie auch durchführen können. Wir sind hier in einem Zimmer ungefähr acht Fuß im Quadrat, Clarke  Wrigley, Eliot  Norton und ich, und versuchen alle zu schreiben, mit der Meridiankreiskiste in der Mitte, darauf eine Kerze geklebt, die Tür geöffnet und unser Fenster voller  wild dreinschauender Türken, die hineinlugen und sehr neugierig sind auf das, was wir wohl anstellen werden. . . .
  
. . .  21. April   . . . Da das Fadenkreuz des Meridiankreises gebrochen war, machte ich mich wegen der Reparatur auf die Suche nach einem Spinnennetz. Es war eine sehr komplizierte Angelegenheit, gelang aber recht gut! 
Assos - 22. April, 1881
    
Heute morgen wachten Eliot und ich auf und badeten ausgelassen im Meer. Nach dem Frühstück im Kondensmilch, Oliven und Brot machten wir einen schönen Spaziergang die Küste entlang Richtung Berg Ida - das Land sah sehr fruchtbar  aus und sehr  erfrischt durch den kürzlich gefallenen Regen. Die Erde war bedeckt mit Blumen und die Luft voller Düfte!
Assos -
Montag, 2. Mai, 1881
     Gestern fingen die Vermessung an. Gingen hoch mit einem Kissenbezug voller Stangen und maßen zwei Standlinien ab zur trigonometrischen Netzlegung, eine im Fluss und eine auf der Fläche der Gräberstraße!. . . Wrigley und ich verbrachten einige Tage damit, durch die Ruinen zu gehen und unsere Vermessung zu planen. Das Land ist sehr uneben, felsig und bedeckt mit Gruppen undurchdringlicher Büsche und die A - B Linie im Tal des To[u]zla war die einzige ebene Stelle für eine Standlinie, und wir vermaßen 500 Meter mit Stahlband alle 20 Meter mit Stäben und Stiften! Als nächstes legen wir die Punkte auf der Akropolis und an herausragenden Orten fest zu Vervollständigung unsere Winkelmessung. In Kürze werden wir über genügend Daten verfügen, um einen großformatigen Plan der antiken Stadt vorzubereiten. In diesem werden wir alles eintragen was wir an interessantem während der Ausgrabung finden! 
Assos
- 4. Mai, 1881

    
Gute Arbeit heute bei der Vermessung. An verschiedenen Orten Vermessungspunkte festgelegt. Ein lieblicher, ruhiger Tag, die Luft nach Blumen duftend, Stimmen von Menschen, die auf den Feldern arbeiten, und ab und an ein Vogel. Wir konnten einander deutlich verstehen, als wir uns von Punkt  zu Punkt zuriefen! Im Schatten der Moschee das Mittagessen eingenommen. Eine lustige kleine Eule blinzelte uns aus einer Mauerspalte zu. 

Assos
- 12. Mai, 1881

     Die später zu dieser Expedition Hinzugekommenen werden nie wissen können, welche Mühsal wir Pioniere erleiden mussten - schiffbrüchig auf der Reise hierhin - draußen im Regen schlafen - Hunger, usw., usw., deshalb beklage ich mich nicht!
Der Hafen ist ein lebhaftes kleines Dörfchen von gerade einmal vier Häusern, und keine Frau in Sicht, elende Ausgestoßene die wir sind! Das türkische Dorf ist sehr an der höchsten Erhebung der Akropolis am Nordhang gelegen. Es besteht aus etwa fünfzig eingeschossigen Häusern mit flachem Erddächern - alle sehr armselig gebaut. . . . Die Entfernung über die Straße hinunter zu Hafen beträgt etwa eine Dreiviertelstunde. . . . Ich erwarte, dass Mr. Haynes bald ankommt und es wird nichts für ihn zu tun geben, bis wir die Grabung beginnen, und das geht nicht , bevor wir das Firman haben. Unglücklicherweise ist es noch nicht bewilligt worden, das es einige Zeit brauchen wird, die notwendigen  Männer und Geräte zusammenbringen, und ich bin nicht geneigt, damit anzufangen, bis wir das Firman sicher haben
Assos - 16. Mai, 1881

    
Arbeitete weiter am Plan; zeichnete die Tür  der Moschee mit Inschrift. Am Abend, nachdem wir unser bescheidenes Mahl zu uns genommen hatten, sahen wir eine Reihe von Pferden, von zwei Zapthies* mit langen Gewehren geführt und gefolgt von einem alten
Mann weißem Helm, von der Akropolis herunterkommen. Ich ging hinauf, sprach mit ihm und stellte fest, es war Dr.[Heinrich] Schliemann, der eine der Reise durch die Troas machte und Städte Homers zu finden suchte! Eliot nahm ihn mit zu unsere Badestelle, und nachher verbrachte er den Abend bei uns. Er wollte über nichts als über prähistorische Orte sprechen, unsere Arbeit hier war ihm gleich. Er besaß ein erstaunlicher Münze aus Assos, von der ich eine Skizze anfertigte. . . . Er ist ein kluger alter Knabe, aber ich, glaube, etwas übergeschnappt! Er schien viel älter als damals, als ich ihn 1879 in Hissarlik traf. Er meint, dies müsse das antike „Chrysa“ sein [d. h. Chryse]!
Assos – 6. Juni, 1881
     In der vergangenen Woche waren wir mit Vermessungen und der Planung unserer zukünftigen Arbeit beschäftigt. Wir schließen diesen Ort täglich mehr ins Herz. Es ist etwas Gewaltiges! Der Südgang der Akropolis muss ein wunderbarer, malerischer Ort gewesen sein! Eine große Terrasse gerade oberhalb des Theaters, die Rückseite ein 300 Fuß langer Säulengang, flankiert auf beiden Seiten von Tempeln oder anderen, säkularen Gebäuden. Was für ein Ort es für Jugend und Schönheit gewesen sein muss, hier in den kühlen überdachten Vorhallen vor der Aufführung im Theater unten zu promenieren! Die Säulenhalle und Terrasse umgeben von Skulpturen und Kunstwerken! So hoch über dem Meer, und gegenüber die blauen Berge von Mitylene! Dann die hunderte von Sarkophagen  und Monumenten an der Gräberstrasse, rundherum die imponierenden Festungsmauern, der Gipfel gekrönt mit einem alten Tempel, und wenn man dann noch an das fruchtbare Tal mit dem direkt vom Berg Ida kommenden kühlen Fluss denkt, passt das alles wunderbar zusammen. Die sauber frisierten Griechen, umgeben von Tempeln, umgeben von Tempeln, Grabmalen und Säulenhallen! Lang lebe die Erinnerung an die glänzenden und heiteren Griechen! . . .
     Vor einiger Zeit, als ich in der Akropolis herumstöberte, entdeckte ich zwei Fragmente von Tempelreliefs, die in einer mittelalterlichen Mauer verbaut waren. Also gingen gestern Abend Haynes, Lawton und ich hoch, um die Mauer einzureißen und an die Schätze zu gelangen! Es war ein wunderschöner Abend, „als alle Winde sich zur Ruhe begeben hatten“, aber der Genueser Mörtel war wie Eisen. Wir arbeiteten fast zwei Stunden daran, den oberen riesigen Steinblock herunterzuschaffen. . . . Schließlich, gerade als die Sonne unterging, bewegte er sich und fiel nach einigem wohlgerichteten Hebeln bald über den Rand und krachend und staubend seitlich der Akropolis zu Tal. Wir wischen uns die Augenbrauen und bestaunen die Szenerie! Der Gipfel des Berges Ida wurde von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtet verblasste purpurn. Das Tal des Touzla unter uns lag bereits im Schatten, der Fluss glänzend wie ein silbernes Band, und ein klarer Mond über uns wusste nicht genau, ob er scheinen solle oder nicht, bis der Einfluss der Sonne völlig verschwunden war. Wir wandten uns von dem wunderschönen Anblick wieder unseren Hacken zu und zogen bald ein überwältigendes Fragment des [Tempel] Frieses heraus, mit einem perfekt erhaltenem Sphinxkopf darauf. Besser als alle aus dem Louvre. Er hatte das gleiche unverschämte, selbstzufriedene Lächeln, das so charakteristisch ist für die archaischen griechischen Köpfe und war überhaupt nicht beschämt darüber, unter einer mittelalterlichen [sic] Mauer mehr als dreihundert Jahre hinter Schloss und Riegel gesessen zu haben! Wir riefen ein dreifaches Hoch auf unseren Fund aus und gingen singend Arm in Arm die Akropolis hinunter!
Assos – 6. Sept., 1881
     Wir waren eifrig beschäftigt, zu vermessen, zu mustern und zu schürfen. Seit dem 6. August beschäftigen wir eine Gruppe von zwanzig bis dreißig Männern, und es ist keine leichte Aufgabe, sie zu leiten, zu entscheiden, wo gegraben werden soll und gleichzeitig in unseren Köpfen die Anordnung der verschiedenen Gebäude zu behalten! Wir begannen die Ausgrabung auf der Akropolis und stießen im ersten Schacht auf den Stylobat eines Tempels, den wir schnell säuberten, da es sich nur um ein bis vier Fuß Schutt handelte. Keine einzige Trommel war in der richtigen Lage, da er im Mittelalter abgeräumt und überbaut worden war. In der Mitte befanden sich noch Reste des schwarz-weißen Mosaikfußbodens. Der Boden des Tempels wurde gefegt und abgewaschen, und es kamen feine Spuren der Säulen und Kratzer zum Vorschein, die auf ihre Lage hinwiesen. [Charles F. M.] Texier hat diesen Stylobat nie gesehen, denn sein Restaurationsplan ist falsch. Es gab kein Epinaos, aber sonst ist der Tempel von Plan und Größe her dem Theseum in Athen ähnlich. Unter dem Mosaik fanden wir eine guterhaltene Münze aus Gargara von etwa 400 A.D., was zeigt, dass der Tempelboden nach diesem Datum wahrscheinlich repariert worden ist. Auch fanden wir ein guterhaltenes Antefix aus Terrakotta, was sicher auf ein sehr frühes Datum für diesen Tempel hinweist. Im Theater haben wir einige der unteren Sitzreihen und das Geländer des Orchesters freigelegt. Für eine Restaurierung der Szene ist nicht genug übriggeblieben! Es lässt einen das Blut kochen, wenn man bedenkt, wie diese großartige alte Stadt in den letzten fünfzig Jahren verwüstet worden ist! Die türkische Regierung hat fortwährend behauene Steine weggekarrt, und jedes kleine Dorf aus der Nachbarschaft kommt wegen Baumaterials hierhin. Mancher Stein, der der Schlüssel für die Lösung unserer gegenwärtigen Probleme sein könnte, ist wahrscheinlich auf diese Weise weggeschafft worden. . . .
Assos – 21. Sept., 1881 (Brief an Prof. W. R. Ware)
    
. . . Morgen werden wir Gesellschaft erhalten. Mr. [Edward] Robindon und seine Frau werden mit Mr. Fottion, dem [amerikanischen] Konsul . . . auf einem kleinen Dampfer herüberkommen, um Assos zu sehen! Die Mosaikpflaster sind alle saubergefegt, und ich habe einige Gläser Wasser bereitgestellt, um sie darüber zu gießen! Das bringt die zarten Farben hervor und wird die Damen erfreuen!
Assos – 4. Oktober, 1881
     . . . Wir sind gerade damit fertig geworden, die skulptierten Tempelblöcke hinunter zu schleppen und haben sie sicher in unserem Magazin untergebracht.  . . . letzte Woche wurde Demetri damit beauftragt, einen Weg vom Gipfel der Akropolis bis zum Hafen zu bauen, Steine und Büsche beiseite zu schaffen und, wo nötig, aufzumauern. Wir benutzten den Weg, den früher die Türken zum Transport von Steinen nach Konstantinopel nahmen. Um die Blöcke nach unten zu bringen, benutzen wir einen schweren hölzernen Last- oder mit Eisen aus Pergamon geschmiedeten Kufenschlitten! Diese wurden auf dem Rücken eines armen, geduldig leidenden Pferdes zur Akropolis hochgetragen! Die Steine wurden sicher auf dem Schlitten befestigt, und zehn Männer davor und zehn Männer mit Seilen dahinter machten kurzen Prozess damit, an den steilen Stellen hinunterrennend, und die ganze Zeit gellende Schreie ausstoßend! An den wenigen ebenen Stellen mussten sie recht kräftig ziehen, und es braucht so viel organisatorische und technische Mühen, ein elendes kleines Fragment abwärts zu ziehen, dass man die Alten bewundern muss, die solch riesige Blöcke hinauftrugen!
Assos – 15. Nov., 1881
     . . . Huch!
Es ist kalt heute nacht! Wir haben eine große Kohlenpfanne mit Holzkohle im Zimmer, aber es nimmt der Kälte nur geringfügig die Schärfe! Der Lampenzylinder ist entzwei und ich habe drei Kerzen auf den Tischrand geklebt! C. spielt Gitarre! [Arthur] Diller [ein Geologe, der sich unserer Gruppe im Juli anschloss] schreibt! Der Wind heult und unser Hund macht es ihm gleich! Bitte schön, das ist nun meine Scena!
Assos – 3. Dez., 1881
     In der Nacht des 28 Nov., als der Nordstern den Meridian passierte, bauten wir den Meridiankreis auf dem Tempelstylobat auf und bestimmten eine echte Nord-Süd-Linie! Die Hauptachse des Tempels lag etwa 15 Grad Südost und der Gipfel des Lepethymnos befand sich genau im Süden des Stylobats.
Neapel [am Ende der ersten Saison] – 15. Febr., 1882 (Brief an Prof. W. R. Ware)
     . . . Ich glaube, wenn ich nach New York zurückkomme, werde ich . . . Ihnen meine Vorstellungen von der griechischen Polychromie usw. darlegen. Ich habe viel darüber nachgedacht und bin sicher, dass die griechischen Farben nicht so roh und geschmacklos sind, wie sie uns von [Jacques I.] Hittorf, [Gottfried] Semper und anderen aufgeschwatzt wurden! Es sind nur noch so wenig Fundstücke vorhanden, dass es schwer ist, diese Frage abschließend zu beantworten. Wir sind nur leidlich sicher, dass ein Blau an diesem oder jenem Ort, ein Rot, ein Gold, usw., an anderem vorkam. Es erscheint nur natürlich, dass die Überlieferung zumindest der alten griechischen Polychromie, was Töne angeht, in byzantinischen Arbeiten erhalten geblieben sein sollte. Die sanften Farben eines byzantinischen Mosaiks kommen mir wunderschön vor, aber die lebhaften Farben der meisten modernen Restaurateure griechischer Arbeiten sind hässlich. [Christian F.] Hansen hat sehr gute Arbeit in Wien und in der neuen Akademie in Athen geleistet, aber sogar seine Farben sind mir zu lebhaft!
[Zweite Saison]
Assos
– 2.
März, 1882
(Gemeinschaftsbrief an Walker, Bradley, Lawton und Anne Lawton)
    
Meine lieben Freunde: Ich habe es geschafft! Am 1. März um 3.00 Uhr kündigte ich dem Gouverneur förmlich die Aufnahme der Arbeiten an! Und wie erleichtert ich war! Es war schwer genug, hier herzukommen, und nun werde ich mir einige schöne Tage machen und mich erholen. . . .
Assos – 11. März, 1882
     . . . Vor einigen Tagen begannen wir mit ungefähr zehn Männern die Ausgrabungen an der Gräberstrasse. Constantin geht hoch, um sie um ca. 6.30 Uhr anfangen zu lassen. Ich komme um etwa 8.00 Uhr nach, und der kleine Apostoli bringt mein Mittagessen herauf, das ich gewöhnlich im Grabmal des P. Vario Aquila zu mir nehme. . . . Wir haben schon ein ganz schön großes Loch in die Gräberstrasses nahe des großen Tores gegraben, und ich werde einen Versuchsgraben gerade hügelanwärts ausheben, in der Hoffnung, auf einen ungeöffneten Sarkophag zu stoßen! Die Männer arbeiten sehr eifrig. Ich bezahle sie unterschiedlich, von sieben bis zehn Piaster, und das zahlt sich besser aus, als wenn alle die gleiche Bezahlung erhielten! Während des Winters war die Arbeit im Land rar, und ich werde von Bewerbern umlagert.  . . .
Assos – 25. März, 1882 (Brief an Prof. Ware)
     Singe, Oh Muse, Ein Edles Lied, und erzähle Herrn Ware, warum er gestern auf der Akropolis hätte sein sollen, um diese Freude zu sehen! Hier nun! Meine Dame ist verwöhnt und die Geister von acht alten Griechen in ebensoviel schwarzen Gefäßen auf einem Regal über meinen Schultern schrecken sie wahrscheinlich! Dann werde ich mich der Prosa zuwenden müssen, um Ihnen mitzuteilen, welch aufregenden Tag wir gestern erlebten! Während der vergangenen drei Wochen habe ich bei der Gräberstrasse gegraben, Gruben ausgehoben und überall Gräben gezogen. Gestern stießen wir auf eine sehr alte Grabstelle und verwandten die letzten zwei Stunden des Nachmittags darauf, kleine schwarze archaische Gefäße voll mit kalzinierten Knochen und kleine irdene Behälter usw. der Erde zu entreißen! Sie lagen dicht bei dicht, wie Pflaumen im Pudding! Die Mehrzahl war klein, ungefähr 25 cm hoch, mit unterschiedlichen Mustern. Alle besaßen sie untertassengleiche Deckel; ein oder zwei hatten bronzene Abdeckungen. Außer Erde und kalzinierten Knochen war nichts in diesen Gefäßen! Inmitten der kleineren Behälter fanden wir fünf große irdene Gefäße, etwa 60 cm hoch und 40 cm [im] Durchmesser! Eines davon holten wir vollständig erhalten heraus; innen waren vier winzige irdene Behälter, und zugleich menschliche Gebeine. Die anderen großen Gefäße waren durch Erde und Steine zerbrochen, aber wir fanden viele kleine Behälter, die ursprünglich in ihnen enthalten gewesen waren. Der Zeichentisch liegt voll davon.
Assos- 18. Mai, 1882
     Nun arbeiten wir am Bouleuterion weiter. [Robert T.] Koldewey bringt die Gebäude der Agora wohlgestalt hervor. Er ist gerade zu der Ansicht gekommen, dass die Stoa zwei Stockwerke hatte, also sind wir auch das ärgerliche Problem mit der doppelten Säulenreihe los. Ich sage ihm, dass er als nächstes ein Mansardendach und gesägte Dachkanten vorfinden wird. Neulich beendeten wir die Ausgrabung der tiefen Zisterne nahe des unterirdischen Durchgangs. Darin fanden wir ein weiteres Stück der Inschrift von der Agora, wie wir es letztes Jahr fanden, und einen schönen Marmorkopf von Alexander – Typus. Ich vermute, jemand hat ihn in die Zisterne geworfen, um es plumpsen zu hören! . . .
Im Theater von Assos – 20. Mai, 1882
     Ich befinde mich auf der obersten Sitzreihe, die gerade freigelegt worden ist, und ich kann auf die „Scena“ hinunterblicken, wo die Männer den Dreck und Schmutz wegkarren. Demetri und Ali machen einen tiefen Schnitt in den Westhang, Charalambos und Panniote heben einen Graben von der Mitte des Orchesters bis nach vorn aus, während Karaghus, Strati und Omer an verschiedenen Stellen des Auditoriums beschäftigt sind. Wäre es nicht großartig, ich könnte mich zweitausend Jahre zurückbegeben und der Herold käme heraus, um eine Aufführung anzukündigen! Die Steine wären nicht sehr luxuriös, aber wir wissen, dass viele Menschen ihre eigenen Kissen mitbrachten!
Assos – 17. Okt., 1882 (Brief an Prof. Ware)
     . . . Genauso schnell, wie wir eine Mauer aus behauenen Steinen freilegen, sind die Türken dabei, sie zu zerstören! Die Kamele kommen mit Valonea beladen und gehen zu ihrem Dorf zurück, jedes mit dem Stein eines Gebäudes an den Rücken gezurrt! Die zigeunerhaften Schmiede stehlen alle eisernen Klammern sobald wir sie bloßlegen, und im nächsten Jahr wird hier am Hafen ein neues Magazin gebaut werden, allein aus antiken Blöcken. In zehn Jahren wird es keinen großen Sinn mehr machen, wegen griechischer Ruinen hierher zukommen; man sollte besser nach Athen fahren! . . .
     Unsere Zukunftspläne hier in Assos wechseln monatlich. Zur Zeit ist Stillstand aus Geldmangel! Es gibt jedoch viel zu zeichnen und zu vermessen. Und es bleibt noch die unangenehme Aufgabe, die Skulpturen außer Landes zu bringen, und ich wünsche mir herzlich, jemand anderer als uns würde das übernehmen.  . . .Wir können nur versuchen, unser Bestes zu tun! Sie haben die Photographien und Zeichnungen von den Skulpturen und können selbst beurteilen, wie viel dafür zu zahlen Sie sich leisten können [als Bakschisch, um sie außer Landes zu bringen]! . . . Hier bei uns steht uns der Bankrott deutlich vor Augen.  . . . Es ist äußerst ärgerlich! Ich hatte diese letzten beiden Monate für die Gräberstraße und das Gymnasium reserviert, und jetzt ist kein Geld für die Ausgrabungen da.  . . .
Assos – 12. Dez., (an Prof. Norton)
     Am 18.
November [die Hilfsgelder sind gerade angekommen] fing ich wieder an, in der Gräberstraße auszugraben! Omer ist unser Glückspilz! Nahezu mit dem ersten Schlag seiner Spitzhacke legte er einen Marmorsockel vom Grab des P. Varius bloß. Auf allen vier Seiten war er verziert mit Obst-, Blumengirlanden usw.. Eine Vertiefung oben zeigte, dass er einst eine Statue trug! Das Grabmal lehnt sich unmittelbar an die hohe Befestigungsmauer an! Einige Tage nach dem Sockelfund, als wir hinter dem Grab Erde aushoben, fanden wir den Kopf einer Frauenstatue, zugleich mit Fragmenten eines Umhangs und Teilen einer linken Hand, die eine Frucht hielt! Das scheint auf eine Statue der Ceres oder Persephone hinzuweisen! Die Gräberstraße wird das interessanteste Projekt werden! Alle wichtigen Gräber und Sarkophage sind ausgegraben worden und sorgfältig maßstabsgerecht gezeichnet! Ich habe außerdem den wesentlichen architektonischen Umriss der Terrassen bestimmt und die beiden gepflasterten Straßen, die zu den beiden Toren führen, geortet [Tore 4 und 5]! Die Nekropolis ist eine solche Ansammlung kleiner Ruinen, dass zuerst ein Gesamteindruck der ursprünglichen Anlage unmöglich war! Aufgrund meiner Erfahrungen der letzten Saison ging ich die Monumente dieses Jahr einzeln an, unter strikter Missachtung ihrer Beziehungen zueinander; grub die wertvollsten aus und zeichnete Höhe und Details in den Plan ein; lokalisierte sie in einer Gesamtübersicht, reihte sie auf einer großen , ca. zehn Fuß langen Karte auf, und siehe da, Ordnung entstand aus dem Chaos! Wo vorher nichts als Unordnung war, erscheint nun die Hand des Menschen, und die Monumente sind mit einer solch malerischen Rücksicht aufeinander und auf ihren Zweck hin platziert, dass die empfängliche Seele mit Entzücken erfüllt ist!
     * Wir haben einen gepflasterten Eingang zu der Gräberstrasse nahe des großen westlichen Eingangstores [Tor 5] freigelegt, wo ein Meilenstein errichtet worden war und eine recht schöne Ansammlung von interessanten Basen für Stelen usw. lagen. Dies muss genau das Tor gewesen sein, durch das der hl. Paulus die Stadt betrat, als er zu Fuß von Alexandria Troas kam.  . . . Seine Kameraden warteten mittlerweile bei ihrem Schiff an unserem kleinen Hafen unten! Die großen Pflastersteine sind poliert durch die vielen Füße, die über sie hinweggegangen sind!
Assos – Jan. (Brief an Prof. Norton)
     Ich schreibe Ihnen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich meine Pläne geändert habe! Ich halte es für absolut notwendig, dass ich hierhin zurückkehre in der nächsten Saison, mindestens für einige Monate! Meine Arbeit ist noch nicht genügend fertiggestellt, um an jemand anderen übergeben zu werden, und ich muss sie selbst beenden!
[Dritte Saison]
Assos – 30.
Mai, 1883
    
Clarke fährt diese Woche nach Konstantinopel, um die Teilung der Antiquitäten zu arrangieren. Die Aufgabe der Überwachung der Aufteilung und der Verschiffung der Sachen habe ich ganz ihm überlassen, was besser ist, als wenn wir uns beide Sorgen darüber machten! Das lässt mir mehr Zeit für meine Arbeit, und ich kann sie schneller beenden.
25. Juni, 1883
An Bord dieses Schiffes, das hinunter in die Bucht von Smyrna brausen wird! (Brief an Anne Lawton)
     . . . Ich stelle fest, dass ich von der Monotonie in Assos recht müde bin. Ich bin nicht geschaffen für dieses Eremitendasein! Ich träume die ganze Zeit von einer gemütlichen kleinen Bude irgendwo in New York, mit meinen Büchern und Bildern um mich und meinen Freunden in Reichweite.
Assos - 1. Juli, 1883
     Wir haben gerade mit Baltazzi Bey, dem von der türkischen Regierung gesandten Bevollmächtigten, die Aufteilung der Antiquitäten beendet. Er war ei sehr freundlicher Grieche, bewandert in archäologischen Dingen, und es gab nicht die geringste Meinungsverschiedenheit bei seinen Entscheidungen! Da das Land der Regierung gehört, fiel zwei Drittel an die Türken.
Assos – 4. August, 1883 (Brief an Prof. Norton)
    
Ich habe mich bereit erklärt, zu bleiben und die Kisten mit unseren Antiquitäten zu verschicken. Sie sind alle gepackt, und ich warte jetzt auf die Genehmigung der Verschickung aus Istanbul! Eine nicht vorhersehbare Komplikation trat ein, nachdem Clarke abgereist war! Ich hatte nur zugestimmt zu bleiben, um sie zu versenden, weil er versichert hatte, alle Papiere seien en regle. Das Dokument, das er mir aushändigte, war auf türkisch verfasst, und bei der Übersetzung fand ich heraus, das es sich lediglich um eine Liste der aufgeteilten Gegenstände handelte; d. h. unseres Drittels der Terrakotten, Skulpturen usw., und die vielen architektonischen und anderen Fragmente, die wir abtransportieren wollten, waren nicht erwähnt! Als er sah, dass ich beinahe fertig war, die Kisten zu verladen, kam der Zollbeamte zu mir und sagte, er habe den ausdrücklichen Befehl, nichts, was nicht auf der Liste stand, verschicken zu lassen! Die in der Liste aufgeführten Gegenstände waren in ungefähr dreizehn Kisten verpackt, während es weitere einundvierzig zusätzliche Kisten gab mit Tempelkapitellen, Gesimsblöcken, Triglyphen und anderen Fragmenten, für die es keine schriftliche Bewilligung gab.  . . . schrieb an Herrn Baltazzi, dem Bevollmächtigten, der die Aufteilung gemacht hatte, und bat ihn, unverzüglich den Behörden in Istanbul zu erklären, dass diese Gegenstände architektonische Gegenstände usw. seien und für niemanden als für uns von Wert, und die wir zur Illustrierung unserer Studien der antiken Gebäude benötigten!  . . . Es war ein großes Versehen von Clarke, dass er nichts Schriftliches von Baltazzi hinsichtlich dieser . . . Fragmente erhalten hatte! . . .
Smyrna – 16. Okt., 1883 (Brief an Prof. Ware)
     Am 12. September fuhr ich mit dem kleinen Dampfer, der hier anlegt, nach Smyrna.  . . . Ich wollte mich um die Verschiffung der Kisten mit Antiquitäten kümmern, da die Erlaubnis dazu schließlich angekommen war. Es war eine Sache mit Ärger ohne Ende, und nachdem ich alle Vorbereitungen getroffen hatte, kam ich nach Assos zurück, um das Packen zu beenden und die Kisten abzuschicken . . 
     Gerade bevor ich Assos verließ, war ich sehr gerührt von einer Abordnung der Türken aus den Dörfern, die zu unseren Räumen hinunterkam, alle in ihren besten Gewändern gekleidet . . . und in einer sehr würdevollen Ansprache den Amerikanern dankten, dass sie ihnen Arbeit gegeben hatten während ihres Aufenthalts. Wir servierten jedem Kaffee und trennten uns im Gefühl, dass sie wahrlich unsere Freunde seien!
                                       Ende der Assos Tagebücher  

Ein Besuch in Assos, 1904 (Brief an Prof. Norton)
     . . . Ich fühle, dass ich mich hinsetzen muss, um Ihnen einige Eindrücke zu vermitteln von meinem Besuch an unserer alten Stätte, wo ich die drei interessantesten Sommer meines Lebens verbracht habe: und jetzt, nach zwanzig Jahren, unter der alten Platane am Hafen zu sitzen, meine alten türkischen und griechischen Freunde zu begrüßen, war, das versichere ich Ihnen, ein großes Vergnügen!  . . .
Donnerstag, 23. Juni, Assos! (noch der Brief an Prof. Norton)
     Endlich hier am alten Ort! . . . Sie haben eine neue Mole gebaut und Säulen der Stoa als Vertäuungspfosten daraufgestellt!  . . . Alle drängen um mich herum und sind hoch erfreut, mich zu sehen! Ich frage nach den alten Freunden!  . . . Löse mich endlich, um vor Sonnenuntergang auf den Hügel zu eilen! Ja, ich kenne den Weg! Das sollte ich auch, nachdem ich ihn täglich während dreier Saisons unter die Füße genommen habe! Abgesehen davon, dass ich fast jeden Zoll davon vermessen habe! Haste die alte steile Straße hinauf, und der Mann von 47 pustet mehr als der Bursche von 26! Welch ein weitläufiger Ort Assos ist! Und trotzdem schafften wir das ganze Aufnehmen und Vermessen! Ein Halt im Theater, jetzt ganz in Ruinen, und die Bühne kaum zu erkennen, da sie mit einem Unterstand für Ziegen überbaut worden ist. Gehe als nächstes zu den berühmten Bädern, um diese wichtigen Stürze anzuschauen! ja, ohne Zweifel, die Räume waren Geschäfte, und die Stürze waren für das tägliche Rauf- und Runterziehen der hölzernen Läden aufgestellt! Wie ich wünsche, Koldewey wäre hier! Kleine Löcher für Metallhaken, um daran Bündel für Handelswaren aufzuhängen! Das einzig Störende waren die quadratischen Blöcke von Säulen, die halbwegs den Abhang hinauf lagen! Ich habe sie dem unteren Stockwerk zugeordnet! Seit wir hier waren, ist großer Schaden angerichtet worden – Steine zerbrochen und weggetragen, Schutt und Erde von der Agora oben heruntergespült!  . . . Glücklicherweise haben wir jeden Stein auf Papier, denn nun ist der Ort verwüstet.  . . . 

     * Stand heute morgen um fünf Uhr auf und ging zur Abwechslung auf die Akropolis! Es wird mein letzter Besuch sein, uns deshalb muss ich alles Nötige sehen und so viele Fotos machen wie möglich! Als ich so durch die Ruinen wandere, höre ich das freundliche Rufen eines Türken, der den Hügel hinunterkommt. Es ist Ahmet . . . und er sagt, er möchte mich begleiten und den Schirm halten, während ich meinen Rundgang mache. So wird Ahmet fotografiert, links und rechts!  . . .
    * Ahmet und ich gehen zum Hafen hinunter! Sitzen unter der Platane am alten Café! Plätschern der Quelle! . . . Schließlich hole ich das Buch über Assos, Teil 1, das ich habe binden lassen und als Geschenk für das Dorf mitgebracht habe. Es soll sich immer zum Nutzen von Reisenden und Anderen im Besitz des jeweiligen Dorfvorstehers befinden. Ich ließ einen türkischen Schreiber an den Dardanellen eine Widmung in großer türkischer Schrift eintragen, und alle Einwohner drängen um uns herum, um die Bilder zu sehen;  . . . die Fotografien von ihnen selbst gefallen ihnen am besten.  . . . Große Aufregung, und der zukünftige Besucher von Assos wird sich diese Buch anschauen müssen, ob er will oder nicht; aber nach der Art und Weise, wie die Ruinen verschwinden, wird über kurz oder lang das Buch das einzige sein, was bleibt!  . . . Abreise um 5 Uhr abends. Sehr unebene und steile Straße in das Flusstal hinunter; wunderbare Aussicht auf den Berg Ida im Licht der untergehenden Sonne! Lebewohl, Assos!
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LENORE O. KEENE CONGDON erwarb den Ph.D. of fine Arts an der Harvard University im Jahre 1963. Als ‘assistant recorder’ nahm sie 1958 an der Expedition nach Sardis teil. Nachdem sie eigenständige Forschungsergebnisse über griechische Plastiken veröffentlichte, arbeitet sie zur Zeit an einem Manuskript über griechische Karyatidenspiegel.

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Absätze von Herausgeberin eingefügt                            Übersetzung: Bert Genzink, 1995
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