EIN

AUSFLUG  NACH  KLEINASIEN

und

ENTDECKUNGEN  IN  LYCIEN

von

CHARLES FELLOWS

ÜBERSETZT
VON
Dr. JULIUS THEODOR ZENKER.

Mit 61 Kupferstichen und 3 Karten

LEIPZIG
DYK'SCHE BUCHHANDLUNG.
1853


     Etwa sechs (engl.) Meilen von Biehrám, dem alten Assus oder Assos, verliessen wir die Seeküste und stiegen durch eine wilde felsige Landschaft mit reicher ungenutzter Vegetation hinan. Der Weg welcher zu der alten Stadt führt ist höchst grossartig. Wir kamen bei einem kleinen See vorbei und traten dann in ein Gehölz von Strauchwerk, wo eine Menge Steine und Deckel von Sarcophagen herumlagen. Als wir näher zur Stadt kamen ging zuerst ihre Rundmauer von schöner griechischer Arbeit und dann eine andere welche die Acropolis einschloss quer durch unsern Weg. Diese Mauern sind noch ziemlich erhalten und stehen an manchen Stellen dreissig Fuß hoch; die Steine sind ohne Ausnahme schön behauen und ohne Kitt auf einander gelegt. Die Felsen welche das Material zu diesen Bauwerken lieferten, eben so wie die Grundmauern des grössten Theiles der Stadt, erheben sich sechzig bis achtzig Fuß auf jähen Abhängen, von denen jeder eine Krone von Tempeln hatte. 

Das Dorf welches jetzt die Stelle einnimmt, besteht nur aus einigen Hütten von denen mir eine zum Gebrauch überlassen ist.
     Nachdem ich mein Gepäck abgelegt, nahm ich den verständigsten Türken des Ortes als Cicerone und ging zu den Ruinen der Acropolis von wo aus ich das ganze Land ringsumher überschauen konnte, - auf der einen Seite die schöne Insel Mytilene, auf der andern den Fluss der sich durch eine reiche Wiese schlängelt; er entspringt am Ida und fliesst der westlichen Küste zu, die durch eine Reihe bewaldeter Hügel im Rücken begrenzt ist. Zu allen Seiten liegen Säulen, Triglyphen und Friese mit schönen Sculpturen, an denen jedes Bild von der Grösse und Herrlichkeit dieser alten Stadt Zeugniss ablegt. An einer Stelle sah ich dreissig dorische Capitäler die in einer Reihe als Umzäunung aufgestellt waren. Ich stieg nach der See zu hinab und fand die ganze Vorderseite des Hügels mit verfallenen Tempeln, Bädern und Theatern bedeckt, sämmtlich von der schönsten Bauart, aber von demselben grauen Steine wie die benachbarten Felsen. Der beistehende Kupferstich zeigt ein Fries dessen Gegenstand ich mir weder erklären noch beschreiben kann; an anderen waren kämpfende Stiere, kauernde Sphinxe und eine Menge anderer Thiere abgebildet, alle schön ausgeführt, obwohl in grobem Material. Dasselbe Kupfer gibt die Ansicht von etlichen Grabmälern, auf deren einem ich folgende Inschrift fand.
 

     Die Sitze des Theaters sind noch erhalten, obgleich alle Theile des Gebäudes durch ein Erdbeben auseinander gerissen worden. Dem Umstand dass das Material keinen wirklichen Werth als Marmor hat ist es zu verdanken dass diese Ruinen von den Plünderungen verschont geblieben sind durch welche andere der Küste nahe gelegene Städte so bedeutend gelitten haben; und dem Anschein nach zu urtheilen liegt noch das ganze Material unbeschädigt hier umhergestreut und hat nur durch die Zeit gelitten; in einigen ungeheuren Cisternen findet man sogar noch Wasser. Die Gebäude waren sämmtlich in massivem griechischen Styl und die Friese reich verziert. An manchen Steinen sind tief eingehauene griechische Inschriften mit neun Zoll hohen Buchstaben. Ich copirte einige davon, andere aber waren zu schwer um leicht von der Stelle bewegt werden zu können.

     Folgende sind an den vier umhergestreuten Theilen des Frieses eines Tempels, alle von gleicher Tiefe und gleichem Muster.
     Die nächsten drei haben zu einem andern Tempel gehört.



Die sieben folgenden sind schlechter ausgeführt.

    

     Ich copirte auch ein Fragment von einer Inschrift auf einem Steine der über einem Thorweg angebracht gewesen war.

 

     Das einzige Gebäude welches einem andern als altgriechischem Baustyle anzugehören schien, war aus dem Material der dasselbe umgebenden Ruinen gebaut, aber ohne viel Geschmack; es hatte ein gewölbtes Dach und rundgewölbte Fenster. An der Wand war eine griechische Inschrift die ich copirte; sie mag aus der Zeit der ersten Christen herrühren. Diese Stadt wurde vom Apostel St. Paulus besucht.

        Ich kam bei einer andern schönen und vollkommen erhaltenen Mauer vorbei, mit Torwegen aus der frühesten, und auch der späteren griechischen Zeit (s. Fig. 4 u. 5)¬


     Ich ging dann auf die Via sacra, oder die Gräberstrasse, die mehrere Meilen lang ist. Einige Grabmäler stehen noch unversehrt in ihrer ursprünglichen schönen Form, die meisten aber sind geöffnet und die Deckel liegen neben den Wänden die sie bedeckten und von wo sie Neugier oder Geiz weggenommen haben. Hin und wieder sind in der Gräberreihe runde Sitze angebracht, wie zu Pompeji; die Ruinen sind aber hier bedeutend grösser als die der römischen Stadt, und viele Überreste noch eben so gut erhalten. Manche sind reich verziert und haben Inschriften; andere sind eben so gross wie Tempel und zwanzig bis dreissig Fuss ins Gevierte. Die gewöhnliche Länge der Sarcophage* ist zehn bis zwölf Fuss.
     Mein Führer nannte jede Ruine eine "alte Burg"; und selbst die Bestimmung der Gräber welche vor ihm offen liegen, hatte er, wie er sagte, nicht eher gekannt als bis ihn ein Engländer, der vor sechs Jahren hier war, darüber belehrte. Er meinte die Gemächer, oder grossen Sarcophage seien da damit Engel oder Geister darin warten können. An den türkischen Gräbern steht zum Kopf oder zu den Füssen ein Stein, auf dem ein Turban oder ein Lappen angebracht ist, und das Grab ist mit Cypressen bepflanzt. Auf dem Rückwege in die Stadt fand ich eine Mauer von sehr alter und eigenthümlicher Bauart, eine sogenannte Cyclopenmauer, die man für älter hält als die gewöhnliche Architectur der Griechen. Hier ist deutlich erwiesen dass dem so sei, denn die Griechen haben die Mauer ausgebessert und mit den schönen Quadersteinen ihres spätern Baustyles überbaut. (S. Fig. 6.)
     Die Stadt ist dem Altherthumsforscher völlig offen und scheint für seine Forschungen erhalten zu sein, da anscheinend seit ihrer Zerstörung der Ort nie wieder bewohnt war und auf unzähligen Steinen Inschriften zu Tage liegen. Viele Gräber aus der griechischen Zeit sind noch uneröffnet, aber aus der römischen als auch aus der christlichen Zeit scheinen sich keine Spuren zu finden, ausser einigen wenigen die ich aufgezeichnet habe. Das Material aus dem die Stadt gebaut war ist nicht fein, und die Bildhauerarbeit von keinem besondern Werthe, die Härte des Steines aber hat, neben dem Mangel an wirklichem Werthe, zur Erhaltung der Inschriften beigetragen.

     Die Türken haben keine Traditionen vom Lande und sind unwissender als man sich vorstellen kann; sie wissen nicht nur nichts, sondern sind auch entschlossen nichts zu lernen. Alle Bauwerke, die sie selbst nicht errichtet, gleichviel ob Brücken, Bäder oder Wasserleitungen, Tempel, Theater oder Grabmäler, nennen sie Esky kalli, "alte Burg". Die Bestimmung der beiden letzten Arten von Gebäuden ist den Muslimen unbekannt, und sie können selbst Dinge die sie vor Augen haben kaum begreifen. Wenn die Neugier sie verlockt mein Gepäck oder das Springschloss an meiner Reisetasche zu betrachten, so drehen sie sich, noch ehe ich ihnen eine Erklärung geben kann, um, mit den Worten "kann nicht begreifen". In Smyrna wandelte der Gouverneur und der Richter gemeinschaftlich im Esszimmer des Consuls umher, betasteten alles was auf dem Schenktische stand, und thaten Fragen wie die Kinder.
     Die Pferde in Kleinasien sind mit dünnen Eisenplatten beschlagen (Fig. 7.) kaum dicker als Blech, an denen die Nägel bedeutend hervorstehen, die deshalb fast allein abgenutzt werden. In der Mitte ist ein kleines viereckiges Loch angebracht um Luft und Feuchtigkeit einzulassen, welches jedoch nicht so gross ist dass ein Stein durchdringen kann. Ich erinnere mich nicht auf irgend einem griechischen Bildwerke Pferde mit Hufeisen gesehen zu haben. 

     *Unser Wort Sarcophag ist römisch und nicht sehr alt. Der griechische Name für alle Gräber ist Soros. Plinius sagt dass in der Gegend von Assos ein merkwürdiger Stein gefunden werde, der die Eigenschaft besitze die darin begrabenen Körper zu zerstören; daher das Wort Sarcophagus, d. i. "Fleischverzehrer".
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