Die Stadt Assos in Kleinasien und...
Von Justizrath Dr. Kind

aus: A. Petermann, Mittheilungcn aus Justlis Perthes' geographischer Anstalt.      Gotha 1862


     Die Athenische Zeitschrift... brachte in dem Hefte vom 1. Februar 1862 theils das Bruchstück aus einer noch ungedruckten Schrift des dortigen Universitäts-Professors Phrearitis, das unter Anderem mit der Stadt Assos in Troas (welche der Verfasser vor einigen Jahren besucht hatte) und mit den von ihr noch vorhandenen Überbleibseln sich beschäftigt... Da... Artikel über die betreffenden Punkte mancherlei Neues und Unbekanntes, jedenfalls aber Interessantes enthalten, habe ich es, besonders auch im Hinblick auf die Eigenthümlichkeit der Quellen, die hierbei zu Grunde liegen, für nicht ungerechtfertigt erachtet, Folgendes auszugsweise ... hier zusammenzustellen.
     Die alte Stadt Assos liegt am Adramyttischen  Meerbusen in Troas in Klein-Asien, gegenüber dem Vorgebirge Argennon (heut zu Tage Capo bianco) auf der Nordküste der Insel Lesbos (Mitylene). Die Überreste von ihr liegen nicht sowohl am Ufer des Meeres, das hier ziemlich steil und hoch ist, als vielmehr auf einem hoch ansteigenden Berge, welcher in alten Zeiten die schon von Weitem sichtbare Akropolis trug. Westlich davon ist ein kleiner Hafen, den die Türken Sibrisi liman nennen und der von Manchen, jedoch wohl irrig, für den alten Hafen von Assos gehalten wird, indem dieser nach dem Zeugnisse des Strabo jedenfalls umfangreicher war. Der Anfang nach der Stadt vom Meere aus ist sehr beschwerlich, da der Weg fortwährend über steile Höhen führt und er war diess, wie Strabo bemerkt, auch im Alterthume, daher der Vers des Stratonikus volle Wahrheit enthalte...
     Überall sieht man hier Spuren vulkanischer Ausbrüche, überall sind unter Haufen von Schlakken und Lava ältere, im Feuer erzeugte Lager von Trachyt und Porphyr verborgen. In alten Zeiten trat die vulkanische Natur des Bodens noch sichtlicher hervor, da damals in der Nähe von Assos ein Stein gefunden ward, der das Fleisch der hineingelegten Leichname schnell verzehrte und deshalb ...
genannt wurde. 
oben

     Der Weg nach Assos geht über Felsen von Trachyt und oftmals wird er von senkrecht herabstürzenden Bergschluchten unterbrochen, deren Wände auf grossen Basaltmassen ruhen. Die ersten Spuren der alten Stadt, denen man hier begegnet, sind ihre kolossalen und weit ausgedehnten Mauern, die fast noch ganz unversehrt sich erhalten haben und die Bewunderung der kommenden Geschlechter erregen. Der Bau dieser Mauern von Assos ist rein Griechisch, und so vollkommen und sorgfä1tig, dass es kaum möglich ist, anderswo einen gleichen Anblick solch vollendeter alter Kriegsbaukunst zu haben. Ihr Umkreis beträgt nach den genauesten Messungen 3103 Meter und sie bestehen aus grossen Trachytsteinen, die auf das Beste verarbeitet und ineinander gefügt sind ohne Kalk und Mörtel. Fast durchgängig ruhen sie auf steilem, abschüssigen Boden und nur der nach Westen vorspringende Winkel liegt auf ebenem Grunde, und in dessen Nähe befindet sich der alte Begräbnisplatz, der mit alten Grabmälern angefüllt ist. Von diesem Punkte an ist die Senkung eine sehr starke und auffallende, aber überall ist die gleiche Sorgfalt auf den Bau verwendet worden. Nur nach Süden ist vor der Urgewalt des Wassers ein Theil eingestürzt und an der nordöstlichen Seite fehlt ein Theil der Mauer gänzlich, vielleicht weil man von dort das Material zu den im Mittelalter auf der Akropolis von Assos erbauten Thürmen genommen hat.  Von diesen mittelalterlichen Bauten und Befestigungswerken ist noch das Meiste erhalten und sie umschliessen innerhalb des Umkreises der erwähnten Umfassungsmauer die hohe Akropolis. Der Felsen, auf dem diese liegt, ist erhaben, steil und fast nach allen Seiten hin abschüssig, von vulkanischem Ursprung und schwarzem Ansehen und besteht aus Trachytsteinlagern. Er hat auf seiner Oberfläche die Gestalt einer Birne und ist theils mit grossen Massen eisenhaltiger Steine, theils mit einer Menge alter Trümmer überdeckt.  
oben

     Nördlich von der Akropolis liegt zu ihren Füssen das armselige Türkische Dorf Bairamkioi, südlich aber befinden sich die ausgedehnten, über den unebenen und steilen Boden zerstreuten Überreste der alten Stadt. Jedenfalls verbirgt dort der Boden noch mancherlei alte Denkmäler, die sich bei der Unzulänglichkeit ihrer Lage um so eher erhalten konnten, und unter Anderem findet sich dort in der Nähe des östlichen Thores ein grosser Stein, worauf das Wort ...zu lesen ist, so dass man berechtigt ist, daselbst die Stelle des alten Gymnasiums zu suchen. Eine andere Griechische Inschrift in der Nähe lässt vermuthen, dass dort ein Tempel des Augustus gestanden habe, und weiterhin sieht man im Felsen den Grund des alten Theaters, das im Durchschnitt etwa 30 Meter hatte und dessen Sitze vollkommen erhalten sind, während dagegen das Proscenium verschwunden ist. Kein anderes altes Theater möchte eine höhere Lage gehabt und eine weitere Aussicht gewährt haben als das von Assos. Hier sah das versammelte Volk von seinen Sitzen unter sich das Meer mit den auf ihm dahinfahrenden Schiffen und gegenüber die prächtigen Gestade von Mitylene, den Berg Lepethymnos und die Stadt Methymna; zur Linken erstreckte sich die Aussicht auf den Adramyttischen Meerbusen nach der Gruppe ...(heut zu Tage ... ) und bis zu den bläulichen Bergen Klein-Asiens.
    
Die ältesten Bewohner des Landes, deren die Geschichte Erwähnung thut, waren die Leleger, ein Volk von geheimnisvollem und unbekanntem Alter, wie die Pelasger, Dryoper und Kaukoner. Sie scheinen ein Wandervolk gewesen zu sein, hatten aber zu den Zeiten des Homer die ganze Südküste von Troas vom Vorgebirge Lekton (jetzt  Kap Baba) bis hin nach Antander im Adramyttischen Meerbusen inne. Während des trojanischen Krieges waren die Leleger die Bundesgenossen der Troer und ihr Hauptort war Pedasos an den Ufern des Satnioeis (heut zu Tage Tusla-Tsai), das jedoch zu Strabo's Zeiten ein   wüster Ort war. Die weitere Geschichte von Homer an bis zur Gründung von Assos durch die Äoler ist dunkel, aber man weiss nicht mit Bestimmtheit, ob der Ort von Methymna oder von Mitylene aus gegründet worden ist. Besonders scheint Assos unter der Herrschaft der Lydischen Könige geblüht zu haben, und nach dem Aufhören des Lydischen Königreichs kam es unter die Gewalt der Perser, deren Königen es namentlich Getreide lieferte, das als das beste angesehen ward.
     Aus einer etwas späteren Zeit gilt Assos als dreijähriger Aufenthaltsort des Aristoteles und als die Heimath des stoischen Philosophen Kleanthes, der hier im J. 300 v. Chr. geboren wurde. Aus der christlichen Zeit wissen wir, dass der Apostel Paulus auf seinen Wanderungen durch Klein-Asien auch Assos besuchte (Apostelgesch. 20, 13).  

oben

 Auslassungen (...)(gr. Schrift)  durch Bert Genzink            ©2000: webmaster assos