REISE  IN  DER  TROAS

IM  MAI  1881

VON

Dr.  HEINRICH  SCHLIEMANN

MIT EINER KARTE

LEIPZIG
F.  A.  BROCKHAUS
-
1881


IV.

Von Baba nach Assos

         Wir ritten von dort am 16. Mai, 5½ Uhr morgens, auf einen schmalen Weg im Zickzack die steile Felshöhle hinauf, die das Dorf überhängt und gleich dem ganzen Bergrücken, bis weit hinter Assos, aus alter Lava besteht. Ich brauchte 1½  Stunden, um den Gipfel zu erreichen, der 274 m Meereshöhe hat. Aber sogar diese Höhe kann unmöglich das eigentliche Cap Lekton sein, da es in östlicher Richtung einen noch viel höhern Punkt gibt. Ich brauchte wieder 1 Stunde 10 Minuten, um diesen Gipfel zu erreichen, der 355,7  m Höhe über dem Meer hat, welches er fast vertical überhängt; die Luftwärme war dort 19°C. Jedenfalls kann Homer nur diesen höchsten Punkt im Auge gehabt haben wenn er uns erzählt dass Hera und Hypnos, auf ihrem Wege nach Ida, dieses Cap erstiegen:

Lekton, wo erst dem Meer sie entwandelten;
dann auf der Feste Schritten sie;
und es erbebte vom Gang hochwipflige Waldung.
1
1 Ilias, XIV, 284,285.


 
 
        Ich war ebenfalls fest überzeugt, dass sich Strabo’s Angabe (XIII,605) : „dass auf dem Cap Lekton der Altar der 12 Götter ist , welcher der Sage nach von Agamemnon gegründet war ", nur auf diesen  höchsten Gipfel beziehen konnte. Und in der Tat fand ich dort die Ruine  eines alten Bauwerks 5,5 m lang, 4,5 m breit, welches aus grossen  und kleinen, ohne Kalk  oder Cement zusammengelegten Steinen besteht und ein massives Mauerwerk bildet. Die gegenwärtige Höhe dieses Monuments über dem Boden ist nur 0,45 m, jedoch kann seine wirkliche Höhe nur durch Ausgrabung bestimmt werden. Es scheint jedoch nicht viel höher gewesen zu sein. Das dieses der wirkliche, dem Agamemnon zugeschriebene Altar der 12 Götter ist, darüber kann wohl Zweifel bestehen; jedoch bin ich fern davon, zu glauben das dieser Held ihn wirklich errichtet haben könnte; ja schon die Zahl 12 spricht dagegen. Auch glaube ich nicht, dass dieses Denkmal auf ein so hohes Alter Ansprüche machen kann; denn ich fand dort keine Spur von vorhistorischer Topfwaare, sammelte dagegen, zwischen den Steinen, viele Bruchstücke glasirter rother hellenischer Vasen, für die ich kaum mehr als die makedonische Zeit beanspruchen möchte. Ich muss hinzufügen, dass dies das einzige alte Bauwerk auf der ganzen Strecke zwischen Chrysa (Kulakli Kioi), Baba und Assos ist, und das es in dieser ganzen Gegend keine Spur einer alten menschlichen Niederlassung gibt. Der Altar der 12 Götter steht im Mittelpunkt einer 0,90 - 1,5 m hohen, viereckigen Einhegungen von grossen Steinen, die ohne Cement zusammengelegt sind ; jedoch warne ich den Reisenden, diese oder die vier, unmittelbar daneben befindlichen, ganz ähnlichen Einhängungen, wovon einige zwei oder drei kleine Thüren haben, als altes Mauerwerk anzusehen oder sie auf irgendeine Weise mit dem Altar der 12 Götter  in Verbindung zu bringen. In der That sind diese Einschlüsse nichts anderes als Schafhürden ganz neuen Bauwerks; viele ganz ähnliche Scharfhürden sieht man nur 15 Minuten nördlich von diesen, und ich traf solche bis Assos hinauf.
          
Neben dem Altar der 12 Götter ist ein mit grossen und kleinen Steinen, ohne Cement aufgemauerter, mit einer grossen polirten, weissen Marmorplatte bedeckter Brunnen, der ohne Zweifel alt ist, da es in der ganzen Gegen keinen Marmor gibt und die Hirten zu arm anspruchslos sind, denselben aus der Ferne zu holen, während sie einen Ueberfluss von Lava zu Hand haben.
TOP        Wir setzen die Reise über die Dörfer Paidenli Kioi (Meereshöhe 278,4 m) und Koiun Evi (Meereshöhe 286,4 m, Luftwärme 22 ° C. ) fort. Die vulkanische Asche, womit die Lavafelsen bedeckt sind ist mit dornigen Gebüsch und seltenen Fichten überwachsen. Sogar diese unfruchtbare Gegend ist von Heuschrecken heimgesucht, die den Herden kaum Gras und Kräuter zu ihrer Nahrung übriggelassen haben. Oft sieht man sie zu Millionen durch ein reiches Saatfeld nach einem Grasfelde ziehen ohne erstes zu beschädigen, und erst nach demselben zurückkehren, nachdem sie letzteres vernichtet haben.
         
Die Landschaft ist aber überall, wohin man auch Blick wenden mag, malerisch schön; denn überall sieht man ungeheuere Massen riesiger Lavablöcke, die entweder allein oder Haufen, ja oft in drei , fünf oder selbst zehn Reihen aufeinander liegen und gewaltigen Mauern ähnlich sehen. Manchmal sieht man diese Blöcke, die einen über den anderen, aufrecht stehen gleich wie riesige Kirchenorgeln. Dann wieder sieht man sie in Gestalt von Thürmen in langen Reihen dicht nebeneinander stehen. Die Schönheit der Landschaft wird durch die fortwährende Aussicht aufs Meer erhöht ; ja, meistenstheils sahen wir gleichzeitig das Aegäische Meer und den Golf und den Golf von Adramytteion.
         
Wir passirten Arablar Kioi, welches 277,2 m Meereshöhe hat, und erreichten um 4 Uhr nachmittags Assos, welches jetzt Behram genannt wird, und dessen höchster Punkt eine Meereshöhe von 232,7 m hat, Luftwärme 19° C. Auf diesen höchsten Punkt scheinen drei oder vier Tempel gestanden zu haben, deren Baustellen deutlich zu erkennen sind und die jetzt von der Antiquarian Society in Boston ausgegraben werden. Jedoch scheint es mir, dass die Schuttanhäufung hier kaum mehr als 3 Fuss tief sein kann, und ich habe daher keine Hoffnung, dass hier werthvolle Sculpturen gefunden werden könnten. An der Nordseite ist ein sonderbares viereckiges Gebäude mit einer niedrigen Kuppel, welches eine byzantinische Kirche gewesen zu sein scheint und in eine Moschee umgewandelt worden ist; daneben sind zwei viereckige Thürme, deren einer halb zerstört, der andere ziemlich gut erhalten, mit Schiessscharten versehen und 20 m hoch und 12 m breit ist. Beide bestehen aus Kalk verbundenen behauenen Steinen und stammen augenscheinlich aus dem Mittelalter. 
          
Nahe dabei sind bogenförmige Gewölbe, wahrscheinlich Cisternen, und grosse Mauern mit Bollwerken, welche anscheinend alle aus dem Mittelalter stammen. Die Hauptgebäude der alten Stadt scheinen auf den beiden grossen Terrassen an der Süd oder Seeseite gewesen zu sein.  Auf der obern Terrasse, deren senkrecht abgeschnittener Fels mit sich daranlehnenden Mauern bekleidet ist, mag die alte Agora gewesen sein: jedoch ist auch hier die Anhäufung von Ruinen nur höchst unbedeutend, da Assos jahrhundertlang die Bausteine für die Paläste und Moscheen in Konstantinopel geliefert hat. An der Ostseite sieht man die Trümmer eines kleinen Gebäudes, das für ein Nymphäum gehalten wird. Auf der zweiten Terrasse sieht man die Ruinen mehrerer grosser Gebäude, in denen vielleicht die Arbeiten der Bostoner Antiquarian Society mit einigen schönen Sculpturen belohnt werden mögen; dafür scheint aber in dem grossen Theater noch mehr Hoffnung zu sein, auf welches man von dieser zweiten Terrasse niedersieht; denn obwohl dieser Monument fast aller seiner Marmorblöcke beraubt ist, so scheint die Schuttanhäufung dort doch tiefer als sonstwo in Assos zu sein. 
TOP         Die Mauern, die aus grossen behauenen Blöcken aus Granit oder Trachyt bestehen, sind viel besser erhalten als die irgendeiner andern alten hellenischen Stadt, und sie bieten uns das vollkommenste übriggebliebene Muster der alten Befestigungsweise. Sie waren so gebaut, dass sie aus der natürlichen Stärke der Position Nutzen zogen und die Stadt in zwei  Theile theilten, zwischen denen die Akropolis war; sie sind mit zahlreichen Thürmen versehen, die, mit einer einzigen Ausnahme, viereckig sind. Sie sind durchschnittlich 2,5 m dick und bestehen aus behauenen, entweder keilförmigen oder viereckigen Blöcken, die genau so zusammengelegt sind wie die der Mauern von Alexandria Troas und der Mauern der grossen alten Festung auf dem Berge Chigri: nämlich das Innere der Mauern sowie der Raum zwischen den keilförmigen Blöcken ist mit kleinen Steinen ausgefüllt. Ueberall, wo die Mauern aus viereckigen Blöcken bestehen, werden diese regelmäßig durch keilförmige Blöcke unterbrochen, die dazu dienen, sie in ihrer Lage zu befestigen. Alle Steine tragen die deutlichsten Kennzeichen davon, dass sie mit eisernen Spitzenhämmern abgesplittert sind, und können daher auf kein hohes Alter Anspruch machen. Ja, ich glaube selbst, dass die ganze westliche Mauer aus römischer Zeit stammt; die übrigen sind wahrscheinlich nicht älter als die makedonische Periode. An zwei Stellen aber sehen wir die neuere Mauern hin gebaut, die aus wohlzusammengefügten Polygonen bestehen und allgemein als Cyklopische Mauern beschrieben, für die ein sehr hohes Alter beansprucht wird. Jedoch muss ich ebenso sehr dagegen protestiren, diese Mauern cyklopisch zu nennen, als  ihnen ein sehr hohes Alter zuzuschreiben; denn nur an der Aussenseite haben die Blöcke die polygonale Form; im übrigen sind sie keilförmig und vollkommen so aufgebaut wie die Blöcke der andern Mauern hier, nämlich der Raum zwischen den keilförmigen  Blöcken sowie das ganze Innere der Mauern ist mit kleinen Steinen aufgefüllt. Folgleich haben diese Mauern nichts gemein mit Cyklopischen Mauern aus Polygonalblöcken, es sei denn der äussere Anschein. Wir haben kein Beispiel einer sehr alten Mauer mit solchem Mauerwerk, und da ausserdem die Aussenseite jener Blöcke die Kennzeichen trägt, dass sie mit eisernen Spitzenhämmern abgesplittert ist, so können wir diesen Mauern unmöglich ein höhers Alter zuschreiben als das 5.oder 6. Jahrhundert v.Chr. Es ist beachtenswerth, dass diese Mauern mit Polygonen etwas schräg stehen oder gebogen sind.
TOP            Sehr interessant sind hier die vielen wohlerhaltenen, mit grossen und kleinen unbehauenen Blöcken gepflasterten Strassen. Eine solche Strasse geht von der Akropolis östlich hinab und führt zu einer Anhöhe mit einem Thurm, dessen äussere Mauern aus behauenen viereckigen Blöcken von 1,80 m  Länge,  0,39 m Breite und 0,15 m Dicke bestehen. Von diesem Punkte hat man eine herrliche Aussicht auf das Satnioesthal und die dasselbe überhängenden, mit Gesträuch und Fichten bedeckten Lavahügel. Da wir fast überall das alte Strassenpflaster ohne Schutthäufung sehen, so vermuthe ich, dass letztere hier überall nur äusserst geringfügig ist und daher Ausgrabung sehr leicht sind. Aber gerade deswegen habe ich keine Hoffnung, dass hier viele interessante Sachen zu finden sind, es sei denn in Gärten an der West- und Ostseite, auf die ich besonders die Aufmerksamkeit der ausgezeichneten amerikanischen Gelehrten lenkte, welche von der Bostoner Antiquarian Society nach Assos gesandt sind und die ich das Vergnügen hatte hier anzutreffen.
        Von der Geschichte von Assos wissen wir wenig oder gar nichts. Strabo sagt zwar dass es eine Colonie von Methymme auf Lesbos war; aber die imposante Lage der Stadt über dem Meere veranlasst uns, zu glauben, dass schon im hohen Alterthum hier eine Niederlassung gewesen sein muss. Ich möchte annehmen, dass Assos das alte Chrysa gewesen sei, welches einen berühmten Tempel das Apollo Smintheus hatte und oft in der Ilias erwähnt wird. Ich glaube dies um so mehr, als, nach Ilias (I,431), das alte Chrysa einen Hafen hatte, der ihm auch von Strabo (XIII, 612) zugeschrieben wird, während an der ganzen nördlichen Küste des Golfs von Adramytteion Assos der einzige Ort ist, der einen solchen hat. Strabo (XIII,612) erzählt uns, dass der Cultus des Apollo Smintheus von dem alten nach dem Chrysa überging, welches letztere wir bereits besprochen haben. Alles, was wir von Assos wissen, ist: dass, nachdem das Land unter die persische Herrschaft gekommen war, dieser Stadt die Pflicht auferlegt wurde, die persischen Könige mit Weizen zu versorgen. Nach Strabo (XIII,610) erlangte Assos seine Unabhängigkeit im Jahre 350 v. Chr.,  unter der Herrschaft des Eunuchen Hermeias, der die Philosophen Xenokrates und Aristoteles zu sich einlud und dem letzern seine Nichte zur Frau gab. Die Stadt fiel aber bald wieder unter die Herrschaft der Perser, die den Hermeias tödteten. Sie machte, nach Alexander ´s des Grossen Tode, einen Theil des Reiches des Lysimachos aus, kann später unter die Botmässigkeit der Könige von Pergamos wurde nach dem Tode Attalos´ III. (130 v Chr.) dem Römischen Reiche einverleibt. Assos wurde von den Aposteln Paulus und Lukas besucht. 1
TOP 1 Apostelgeschichte 20; 13, 14.

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