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Ich
war ebenfalls fest überzeugt, dass sich Strabo’s Angabe (XIII,605) :
„dass auf dem Cap Lekton der Altar der 12 Götter ist , welcher der
Sage nach von Agamemnon gegründet war ", nur auf diesen
höchsten Gipfel beziehen konnte. Und in der Tat fand ich dort
die Ruine eines alten
Bauwerks 5,5 m lang, 4,5 m breit, welches aus grossen
und kleinen, ohne Kalk oder
Cement zusammengelegten Steinen besteht und ein massives Mauerwerk
bildet. Die gegenwärtige Höhe dieses Monuments über dem Boden ist nur
0,45 m, jedoch kann seine wirkliche Höhe nur durch Ausgrabung bestimmt
werden. Es scheint jedoch nicht viel höher gewesen zu sein. Das dieses
der wirkliche, dem Agamemnon zugeschriebene Altar der 12 Götter ist,
darüber kann wohl Zweifel bestehen; jedoch bin ich fern davon, zu
glauben das dieser Held ihn wirklich errichtet haben könnte; ja schon
die Zahl 12 spricht dagegen. Auch glaube ich nicht, dass dieses Denkmal
auf ein so hohes Alter Ansprüche machen kann; denn ich fand dort keine
Spur von vorhistorischer Topfwaare, sammelte dagegen, zwischen den
Steinen, viele Bruchstücke glasirter rother hellenischer Vasen, für
die ich kaum mehr als die makedonische Zeit beanspruchen möchte. Ich
muss hinzufügen, dass dies das einzige alte Bauwerk auf der ganzen
Strecke zwischen Chrysa (Kulakli Kioi), Baba und Assos ist, und das es
in dieser ganzen Gegend keine Spur einer alten menschlichen
Niederlassung gibt. Der Altar der 12 Götter steht im Mittelpunkt einer
0,90 - 1,5 m hohen, viereckigen Einhegungen von grossen Steinen, die
ohne Cement zusammengelegt sind ; jedoch warne ich den Reisenden, diese
oder die vier, unmittelbar daneben befindlichen, ganz ähnlichen Einhängungen,
wovon einige zwei oder drei kleine Thüren haben, als altes Mauerwerk
anzusehen oder sie auf irgendeine Weise mit dem Altar der 12 Götter
in Verbindung zu bringen. In der That sind diese Einschlüsse
nichts anderes als Schafhürden ganz neuen Bauwerks; viele ganz ähnliche
Scharfhürden sieht man nur 15 Minuten nördlich von diesen, und ich
traf solche bis Assos hinauf.
Neben
dem Altar der 12 Götter ist ein mit grossen und kleinen Steinen, ohne
Cement aufgemauerter, mit einer grossen polirten, weissen Marmorplatte
bedeckter Brunnen, der ohne Zweifel alt ist, da es in der ganzen Gegen
keinen Marmor gibt und die Hirten zu arm anspruchslos sind, denselben
aus der Ferne zu holen, während sie einen Ueberfluss von Lava zu Hand
haben.
Wir
setzen die Reise über die Dörfer Paidenli Kioi (Meereshöhe 278,4 m)
und Koiun Evi (Meereshöhe 286,4 m, Luftwärme 22 ° C. ) fort. Die
vulkanische Asche, womit die Lavafelsen bedeckt sind ist mit dornigen
Gebüsch und seltenen Fichten überwachsen. Sogar diese unfruchtbare
Gegend ist von Heuschrecken heimgesucht, die den Herden kaum Gras und Kräuter zu ihrer Nahrung übriggelassen haben. Oft sieht
man sie zu Millionen durch ein reiches Saatfeld nach einem Grasfelde
ziehen ohne erstes zu beschädigen, und erst nach demselben zurückkehren,
nachdem sie letzteres vernichtet haben.
Die
Landschaft ist aber überall, wohin man auch Blick wenden mag, malerisch
schön; denn überall sieht man ungeheuere Massen riesiger Lavablöcke,
die entweder allein oder Haufen, ja oft in drei , fünf oder selbst zehn
Reihen aufeinander liegen und gewaltigen Mauern ähnlich sehen. Manchmal
sieht man diese Blöcke, die einen über den anderen, aufrecht stehen
gleich wie riesige Kirchenorgeln. Dann wieder sieht man sie in Gestalt
von Thürmen in langen Reihen dicht nebeneinander stehen. Die Schönheit
der Landschaft wird durch die fortwährende Aussicht aufs Meer erhöht ;
ja, meistenstheils sahen wir gleichzeitig das Aegäische Meer und den
Golf und den Golf von Adramytteion.
Wir
passirten Arablar Kioi, welches 277,2 m Meereshöhe hat, und erreichten
um 4 Uhr nachmittags Assos, welches jetzt Behram genannt wird, und
dessen höchster Punkt eine Meereshöhe von 232,7 m hat, Luftwärme 19°
C. Auf diesen höchsten Punkt scheinen drei oder vier Tempel gestanden
zu haben, deren Baustellen deutlich zu erkennen sind und die jetzt von
der Antiquarian Society in Boston ausgegraben werden. Jedoch scheint es
mir, dass die Schuttanhäufung hier kaum mehr als 3 Fuss tief sein kann,
und ich habe daher keine Hoffnung, dass hier werthvolle Sculpturen
gefunden werden könnten. An der Nordseite ist ein sonderbares
viereckiges Gebäude mit einer niedrigen Kuppel, welches eine
byzantinische Kirche gewesen zu sein scheint und in eine Moschee
umgewandelt worden ist; daneben sind zwei viereckige Thürme, deren
einer halb zerstört, der andere ziemlich gut erhalten, mit
Schiessscharten versehen und 20 m hoch und 12 m breit ist. Beide
bestehen aus Kalk verbundenen behauenen Steinen und stammen
augenscheinlich aus dem Mittelalter.
Nahe dabei sind bogenförmige Gewölbe, wahrscheinlich Cisternen,
und grosse Mauern mit Bollwerken, welche anscheinend alle aus dem
Mittelalter stammen. Die Hauptgebäude der alten Stadt scheinen auf den
beiden grossen Terrassen an der Süd oder Seeseite gewesen zu sein.
Auf der obern Terrasse, deren senkrecht abgeschnittener Fels mit
sich daranlehnenden Mauern bekleidet ist, mag die alte Agora gewesen
sein: jedoch ist auch hier die Anhäufung von Ruinen nur höchst
unbedeutend, da Assos jahrhundertlang die Bausteine für die Paläste
und Moscheen in Konstantinopel geliefert hat. An der Ostseite sieht man
die Trümmer eines kleinen Gebäudes, das für ein Nymphäum gehalten
wird. Auf der zweiten Terrasse sieht man die Ruinen mehrerer grosser Gebäude,
in denen vielleicht die Arbeiten der Bostoner Antiquarian Society mit
einigen schönen Sculpturen belohnt werden mögen; dafür scheint aber
in dem grossen Theater noch mehr Hoffnung zu sein, auf welches man von
dieser zweiten Terrasse niedersieht; denn obwohl dieser Monument fast
aller seiner Marmorblöcke beraubt ist, so scheint die Schuttanhäufung
dort doch tiefer als sonstwo in Assos zu sein.
Die Mauern, die aus
grossen behauenen Blöcken aus Granit oder Trachyt bestehen, sind viel
besser erhalten als die irgendeiner andern alten hellenischen Stadt, und
sie bieten uns das vollkommenste übriggebliebene Muster der alten
Befestigungsweise. Sie waren so gebaut, dass sie aus der natürlichen Stärke
der Position Nutzen zogen und die Stadt in zwei
Theile theilten, zwischen denen die Akropolis war; sie sind mit
zahlreichen Thürmen versehen, die, mit einer einzigen Ausnahme,
viereckig sind. Sie sind durchschnittlich 2,5 m dick und bestehen aus
behauenen, entweder keilförmigen oder viereckigen Blöcken, die genau
so zusammengelegt sind wie die der Mauern von Alexandria Troas und der
Mauern der grossen alten Festung auf dem Berge Chigri: nämlich das
Innere der Mauern sowie der Raum zwischen den keilförmigen Blöcken ist
mit kleinen Steinen ausgefüllt. Ueberall, wo die Mauern aus viereckigen
Blöcken bestehen, werden diese regelmäßig durch keilförmige Blöcke
unterbrochen, die dazu dienen, sie in ihrer Lage zu befestigen. Alle
Steine tragen die deutlichsten Kennzeichen davon, dass sie mit eisernen
Spitzenhämmern abgesplittert sind, und können daher auf kein hohes
Alter Anspruch machen. Ja, ich glaube selbst, dass die ganze westliche
Mauer aus römischer Zeit stammt; die übrigen sind wahrscheinlich nicht
älter als die makedonische Periode. An zwei Stellen aber sehen wir die
neuere Mauern hin gebaut, die aus wohlzusammengefügten Polygonen
bestehen und allgemein als Cyklopische Mauern beschrieben, für die ein
sehr hohes Alter beansprucht wird. Jedoch muss ich ebenso sehr dagegen
protestiren, diese Mauern cyklopisch zu nennen, als
ihnen ein sehr hohes Alter zuzuschreiben; denn nur an der
Aussenseite haben die Blöcke die polygonale Form; im übrigen sind sie
keilförmig und vollkommen so aufgebaut wie die Blöcke der andern
Mauern hier, nämlich der Raum zwischen den keilförmigen
Blöcken sowie das ganze Innere der Mauern ist mit kleinen
Steinen aufgefüllt. Folgleich haben diese Mauern nichts gemein mit
Cyklopischen Mauern aus Polygonalblöcken, es sei denn der äussere
Anschein. Wir haben kein Beispiel einer sehr alten Mauer mit solchem
Mauerwerk, und da ausserdem die Aussenseite jener Blöcke die
Kennzeichen trägt, dass sie mit eisernen Spitzenhämmern abgesplittert
ist, so können wir diesen Mauern unmöglich ein höhers Alter
zuschreiben als das 5.oder 6. Jahrhundert v.Chr. Es ist beachtenswerth,
dass diese Mauern mit Polygonen etwas schräg stehen oder gebogen sind.
Sehr
interessant sind hier die vielen wohlerhaltenen, mit grossen und kleinen
unbehauenen Blöcken gepflasterten Strassen. Eine solche Strasse geht
von der Akropolis östlich hinab und führt zu einer Anhöhe mit einem
Thurm, dessen äussere Mauern aus behauenen viereckigen Blöcken von
1,80 m Länge,
0,39 m Breite und 0,15 m Dicke bestehen. Von diesem Punkte hat
man eine herrliche Aussicht auf das Satnioesthal und die dasselbe überhängenden,
mit Gesträuch und Fichten bedeckten Lavahügel. Da wir fast überall
das alte Strassenpflaster ohne Schutthäufung sehen, so vermuthe ich,
dass letztere hier überall nur äusserst geringfügig ist und daher
Ausgrabung sehr leicht sind. Aber gerade deswegen habe ich keine
Hoffnung, dass hier viele interessante Sachen zu finden sind, es sei
denn in Gärten an der West- und Ostseite, auf die ich besonders die
Aufmerksamkeit der ausgezeichneten amerikanischen Gelehrten lenkte,
welche von der Bostoner Antiquarian Society nach Assos gesandt sind und
die ich das Vergnügen hatte hier anzutreffen.
Von
der Geschichte von Assos wissen wir wenig oder gar nichts. Strabo sagt
zwar dass es eine Colonie von Methymme auf Lesbos war; aber die
imposante Lage der Stadt über dem Meere veranlasst uns, zu glauben,
dass schon im hohen Alterthum hier eine Niederlassung gewesen sein muss.
Ich möchte annehmen, dass Assos das alte Chrysa gewesen sei, welches
einen berühmten Tempel das Apollo Smintheus hatte und oft in der Ilias
erwähnt wird. Ich glaube dies um so mehr, als, nach Ilias (I,431), das
alte Chrysa einen Hafen hatte, der ihm auch von Strabo (XIII, 612)
zugeschrieben wird, während an der ganzen nördlichen Küste des Golfs
von Adramytteion Assos der einzige Ort ist, der einen solchen hat.
Strabo (XIII,612) erzählt uns, dass der Cultus des Apollo Smintheus von
dem alten nach dem Chrysa überging, welches letztere wir bereits
besprochen haben. Alles, was wir von Assos wissen, ist: dass, nachdem
das Land unter die persische Herrschaft gekommen war, dieser Stadt die
Pflicht auferlegt wurde, die persischen Könige mit Weizen zu versorgen.
Nach Strabo (XIII,610) erlangte Assos seine Unabhängigkeit im Jahre 350
v. Chr., unter der Herrschaft des Eunuchen Hermeias, der die
Philosophen Xenokrates und Aristoteles zu sich einlud und dem letzern
seine Nichte zur Frau gab. Die Stadt fiel aber bald wieder unter die
Herrschaft der Perser, die den Hermeias tödteten. Sie machte, nach
Alexander ´s des Grossen Tode, einen Theil des Reiches des Lysimachos
aus, kann später unter die Botmässigkeit der Könige von Pergamos
wurde nach dem
Tode Attalos´ III. (130 v Chr.) dem Römischen Reiche einverleibt.
Assos wurde von den Aposteln Paulus und Lukas besucht. 1
1
Apostelgeschichte 20;
13, 14.
©
2000: webmaster Assos
(mit frdl. Hilfe v. Chr. Demmer) Assos
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